Goldene Bilanzregel

Bilanzkennzahlen spielen eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben. Fast jeder Kapitalgeber, einschließlich der eigenen Hausbank, wirft einen kritischen Blick auf den Jahresabschluss, bevor er bereit ist, zu investieren. Eine sehr bekannte Bilanzkennzahl ist die goldene Bilanzregel, auch als goldenen Bilanzierungsregel bezeichnet, die wir in diesem Beitrag vorstellen.

Das erwartet dich heute:

Wie lautet die goldene Bilanzregel?

„Langfristiges gebundenes Vermögen ist langfristig zu finanzieren, kurzfristiges Vermögen kurzfristig“

Die Regel fordert also, dass das Kapital eines Unternehmens, das in das Anlagevermögen investiert wird, langfristig zur Verfügung stehen muss, während die Finanzierung des Umlaufvermögens über kurzfristig beschaffte Mittel erfolgen kann. Letztlich verlangt die Regel also eine Fristenkongruenz zwischen Aktiva und Passiva der Bilanz.

Einordnung der goldenen Bilanzregel in das Kennzahlensystem

In der betriebswirtschaftlichen Investitions- und Finanzierungslehre werden drei Typen von Finanzierungsregeln unterschieden:

  • Liquiditätsregeln
  • vertikale Proportionalitätsregeln
  • horizontale Proportionalitätsregeln

Zur ersten Kategorie gehören die bekannten Liquiditätsgrade, die die kurzfristige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens in den Mittelpunkt stellen und dabei helfen sollen, den Cashflow zu optimieren. Die vertikalen Proportionalitätsregeln konzentrieren sich auf die Passivseite der Bilanz und untersuchen das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Fremdkapital. Ihre horizontalen Pendants stellen dagegen eine Beziehung zwischen Aktiva und Passiva her. Zu den bekanntesten Vertretern zählen die goldene Finanzierungsregel und die daraus entwickelte goldene Bilanzregel. Die Proportionalitätsregeln machen also Vorgaben für die Bilanzstruktur. In unseren Rechenbeispielen verwenden wir deshalb, genau wie professionelle Analysten, sogenannte Strukturbilanzen.

Welche Rolle spielt die Fristenkongruenz?

Ein Unternehmen ist sowohl ökonomisch als auch juristisch nur überlebensfähig, wenn es seinen finanziellen Verpflichtungen jederzeit nachkommen kann. Hier setzt die Fristenkongruenz, die vielen Kennzahlen zugrunde liegt, an.

Das Kapital (Passiva), das eingesetzt wird, um Vermögensgegenstände (Aktiva) zu finanzieren, muss dem Unternehmen zur Verfügung stehen, bis es amortisiert wird. Beim Umlaufvermögen, insbesondere bei den Vorräten, wird dabei auf die lebensnahe Annahme abgestellt, dass diese zügig umgeschlagen und als fertige Produkte oder als Handelswaren weiterverkauft werden. Vorräte generieren also kurzfristig Zahlungsströme, die in das Unternehmen zurückfließen. Die Mittel, die für ihre Finanzierung benötigt werden, müssen deshalb auch nur kurzfristig zur Verfügung stehen.

Beim Anlagevermögen liegen dagegen andere Voraussetzungen vor. Grundstücke, Gebäude und Maschinen werden für die Produktion der Güter und Dienstleistungen benötigt und verbleiben langfristig im Unternehmen. Ihre Amortisierung erfolgt über Jahre, manchmal über Jahrzehnte hinweg, über die planmäßige Abschreibung für Abnutzung (AfA). Über die im Anlagevermögen gebundenen Mittel muss ein Unternehmen deshalb über einen langen Zeitraum verfügen können.

Die goldene Bilanzierungsregel transformiert dieses Prinzip in berechenbare Kennzahlen.

Die goldene Bilanzierungsregel als Kennzahl

Die goldenen Bilanzierungsregel lässt sich auf zwei Bilanzkennzahlen herunterbrechen, die als Deckungsgrad 1 und Deckungsgrad 2 bezeichnet werden.

Der Deckungsgrad 1 ist die goldene Bilanzregel im engeren Sinn und beschreibt das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Anlagevermögen, wobei der Quotient größer oder gleich 1 sein soll.

Deckungsgrad 1: Eigenkapital / Anlagevermögen ≥ 1

Ist die vorstehende Forderung erfüllt, dann finanziert ein Unternehmen sein gesamtes Anlagevermögen mit Eigenkapital und ist diesbezüglich von Banken und anderen Fremdkapitalgebern unabhängig.

Der Deckungsgrad 2 berücksichtigt zusätzlich das langfristige Fremdkapital

Deckungsgrad 2: (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen ≥ 1

Ist lediglich der Deckungsgrad 2 erfüllt, reicht das Eigenkapital des Unternehmens nicht aus, um das gesamte Anlagevermögen zu finanzieren, ihm steht aber genügend Fremdkapital zur Verfügung. Die langfristige Finanzierung ist auch in diesem Fall gesichert, das Unternehmen ist aber von externen Geldgebern abhängig. Der Deckungsgrad 2 wird deshalb auch oft als silberne Finanzierungsregel bezeichnet.

Berechnung der goldenen Bilanzregel am Beispiel

Die Berechnung lässt sich am besten an einem Beispiel erläutern.

Beispiel:

Die mit der Bilanz des Jahresabschlusses 01 identische Eröffnungsbilanz des Jahres 02 der Muster-GmbH zeigt folgende Struktur:

AktivaPassiva
Anlagevermögen1.000Eigenkapital500
Umlaufvermögen 500Fremdkapital1.000
Vorräte350Pensionsrückstellungen250
Forderungen aus L+L100Verbindlichkeiten (> 1 Jahr)300
Liquide Mittel (Kasse, Bank)50Verbindlichkeiten aus L+L (≤ 1 Jahr)450
Bilanzsumme1.500Bilanzsumme1.500

Berechnung Deckungsgrad 1:

Eigenkapital/Anlagevermögen = 500 /1.000 = 0,5 < 1

Im Beispiel ist der Deckungsgrad 1 kleiner 1, die goldenen Bilanzregel wird von der Muster-GmbH zu Beginn des Geschäftsjahres 02 also noch verfehlt. Das Unternehmen kann nun prüfen, ob für das kommende Geschäftsjahr Anpassungen erforderlich sind. Etwa aufgrund einer größeren Investition, die fremdfinanziert werden soll, da sich die Bilanzstruktur auf die Finanzierungskonditionen auswirken kann. In diesem Fall würde beispielsweise die Umwandlung eines Gesellschafterdarlehens in eine Stammeinlage den Deckungsgrad 1 verbessern. Das Unternehmen sollte aber erst noch einen Blick auf den Deckungsgrad 2 werfen, bevor es Maßnahmen erwägt.

Berechnung Deckungsgrad 2:

(Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen = (500 + 250 + 450) / 1.000 = 1,2 > 1

Unter Berücksichtigung des langfristigen Fremdkapitals, dazu zählen neben den Pensionsrückstellungen alle Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr, erreicht das Unternehmen den Zielwert 1 und überschreitet ihn sogar leicht. Die silberne Bilanzierungsregel erfüllt die Muster-GmbH somit. Da in Deutschland kaum ein Unternehmen der goldenen Regel genügt, würden ihr, zumindest alleine wegen dieser Bilanzkennzahl, keine Nachteile erwachsen.

Unterschied zwischen der goldenen Bilanzregel und der goldenen Finanzierungsregel

Die goldenen Finanzierungsregel, die auch als goldene Bankregel bezeichnet wird, stellt ausschließlich auf die Fristenkongruenz zwischen Kapital (Passiva) und Vermögen (Aktiva) ab, während die gleichnamige Bilanzregel, wie oben gezeigt, zudem die Herkunft der Mittel berücksichtigt.

Auch die goldene Finanzierungsregel kann auf Kennzahlen heruntergebrochen werden. Die Berechnungsformeln lauten wie folgt:

langfristiges Vermögen/langfristiges Kapital ≤ 1

Zum langfristigen Vermögen wird auch hier das Anlagevermögen gerechnet. Zum langfristigen Kapital zählt das Eigenkapital und das Fremdkapital, das dem Unternehmen länger als ein Jahr zur Verfügung steht.

Die entsprechende Formel für das Umlaufvermögens ist wie folgt definiert:

kurzfristiges Vermögen/kurzfristiges Kapital ≥ 1

Das kurzfristige Vermögen ist hier mit dem bilanziellen Umlaufvermögen gleichzusetzen. Zum kurzfristigen Kapital zählt das Fremdkapital, das dem Unternehmen maximal ein Jahr überlassen wird, also insbesondere Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, kurzfristige Darlehen aller Art sowie Verbindlichkeiten gegenüber dem Finanzamt und den Sozialversicherungsträgern.

Rechenbeispiel

Kommen wir noch einmal auf unsere Strukturbilanz zurück:

AktivaPassiva
Anlagevermögen1.000Eigenkapital500
Umlaufvermögen 500Fremdkapital1.000
Vorräte350Pensionsrückstellungen250
Forderungen aus L+L100Verbindlichkeiten (> 1 Jahr)300
Liquide Mittel (Kasse, Bank)50Verbindlichkeiten aus L+L (≤ 1 Jahr)450
Bilanzsumme1.500Bilanzsumme1.500

 

Die erste Forderung der goldenen Finanzierungsregel lautet dann wie folgt:

langfristiges Vermögen ./. langfristiges Kapital ≤ 1

1.000/(500 + 250 + 300) = 0,95 ≤ 1

Die goldene Finanzierungsformel ist somit erfüllt. Die zweite Forderung muss nicht separat überprüft werden, da sich die beiden Formeln gegenseitig bedingen. Das gilt zumindest für Unternehmen, die der Bilanzierungspflicht unterworfen sind und die kaufmännische Rechnungslegung anwenden.

Tipp!

Die Berechnung der Deckungsgrade und Berücksichtigung der goldenen Bilanzregel erfolgt oftmals bei der genaueren Betrachtung der Bilanz eines Unternehmens. Erfahre in unserem Beitrag zum Thema Bilanzanalyse alles was du hierzu beachten musst!

Kritik an der goldenen Bilanzregel

In Deutschland ist der Börsengang für kleine und mittlerer Unternehmen, anders als in den USA, die absolute Ausnahme. Die meisten Unternehmen finanzieren sich durch eine Mischung aus Gewinnthesaurierung und Bankdarlehen. Für deutsche Unternehmen gilt deshalb bereits eine Eigenkapitalquote von 20 Prozent als ausreichend, 30 Prozent genügen dem Finanzamt sogar bei Unternehmen der öffentlichen Hand (R 33 KStR 2004). Zumindest produzierende Unternehmen decken ihr Anlagevermögen selten alleine mit Eigenkapital und verfehlen deshalb zumindest die goldene Bilanzregel im engeren Sinn regelmäßig. Letztere kann auch allenfalls als Orientierungshilfe dienen und ist nur in Verbindung mit anderen Kennzahlen wirklich aussagekräftig.

Obwohl das Unternehmen in unserem Beispiel die silberne Bilanzregel und die goldene Finanzierungsregel erfüllt, könnte es dennoch von einer Insolvenz bedroht sein. Schließlich stehen den Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen in Höhe von 450 Geldeinheiten (GE) nur 50 GE an liquiden Mitteln gegenüber. Sind die Eingangsrechnungen früher fällig als die Ausgangsrechnungen wird es finanziell eng für unsere Muster-GmbH. Zumindest für das Tagesgeschäft spielt die Steuerung des Cashflow eine weit größere Rolle, als die Bilanzstruktur. Letztere kann sich allerdings auch kurzfristig über die Finanzierungskonditionen auf den Gewinn auswirken.

Verschuldung hat auch ihre guten Seiten

In Hinblick auf den Gewinn müssen aber gegenläufige Effekte berücksichtigt werden. Fremdkapitalzinsen senken die steuerliche Bemessungsgrundlage, Dividenden dagegen nicht. Es kann also gerade für Einzelunternehmer und Familienbetriebe durchaus sinnvoll sein, im Fall eines Engpasses keine Kapitalerhöhung durchzuführen, sondern dem Unternehmen ein Gesellschafterdarlehen zu gewähren. Die Darlehenszinsen mindern, sofern sie marktüblich sind, den zu versteuernden Gewinn des Unternehmens und fließen dem Unternehmer direkt zu. Dieser muss darauf zwar auch Steuern entrichten, er kann aber die damit zusammenhängenden Betriebsausgaben bzw. Werbungskosten, die oft nur kalkulatorischer Natur sind, steuerlich absetzen. In jedem Fall vermeidet er so die Doppelbesteuerung, der ausgeschüttete Gewinne unterworfen sind. Denn Gewinn wird zuerst auf Unternehmensebene mit Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer belastet und unterliegt als ausgeschüttete Dividende der Kapitalertragsteuer. Es lohnt sich hier also durchaus einmal nachzurechnen, was am Ende tatsächlich wirtschaftlicher ist.

Leverage Effekt

Fremdkapital wirkt sich aber nicht nur über Steuervorteile positiv auf das Einkommen des Unternehmers aus. Zusätzlich kann der sogenannte Leverage Effekt greifen. Darunter wird die Hebelwirkung des Fremdkapitals auf die Rentabilität des Eigenkapitals verstanden. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass die Gesamtkapitalrendite des Unternehmens höher ist, als der Fremdkapitalzinssatz. Verdient ein Unternehmen an jedem eingesetzten Euro fünfzehn Cent und muss im Fall der Fremdfinanzierung acht Cent an Zinsen aufbringen, verbleibt ihm immer noch eine Rendite von sieben Cent. Der Gewinn je Euro Eigenkapital steigt unter dieser Voraussetzung also auch dann, wenn Investitionen ausschließlich Schuldenfinanziert werden. Diesen Umstand lässt die goldene Bilanzregel aber völlig außer Acht.

Die beiden vorgestellten Finanzierungsregeln führen also, zumindest wenn sie unkritisch befolgt werden, nicht immer zu goldenen Jahresergebnissen. Sie dienen lediglich als Faustformel und Orientierungshilfe, aber nicht als stringent anzuwendendes Steuerungsinstrument.