8, Februar, 2018 | Inspiration | Von Alisha Meier
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Gründen mit Handicap – Auf dem Weg zum erfolgreichen Unternehmer

„Meine Beine… ich kann meine Beine nicht bewegen. Ich spüre meine Beine nicht mehr!“ – Lukas, 25 Jahre.

Wie ist das passiert? Erinnern kann sich Lukas an fast nichts mehr, er war auf dem Weg zur Arbeit. Mehr nicht.

An einem stürmischen Morgen, während der Wind über die Dächer pfeift, fährt Lukas mit dem Auto zur Arbeit. Nach seinem Studium des Bauingenieurwesens, ergatterte er sich die Stelle des Bauleiters eines Bauunternehmens. Das heißt: Lukas leitet Baustellen und sorgt dafür, dass Bauarbeiten ordnungsgemäß ablaufen – er ist immer mit Helm und Projektskizze in der Hand vor Ort. Dunkel war es und geregnet hat es auch. Eigentlich nichts besonders, dieser Morgen.

Auf seinem üblichen Arbeitsweg nähert sich Lukas einer vielbefahrenen Kreuzung. Und auf einmal waren da diese Lichter. Diese Lichter wurden immer heller und kamen immer näher. Lukas schaut nach links – da ist es schon zu spät. Unfall. Ein Autofahrer rast ungebremst in Lukas und er verliert das Bewusstsein.

Im Krankenhaus aufgewacht, ist irgendetwas komisch.. etwas ist anders. „Meine Beine“, denkt Lukas, querschnittsgelähmt.

Ein solches Horrorszenario kennen viele nur aus Filmen oder Büchern, doch für manche ist das die Realität. Tausende Gedanken schwirren Lukas durch den Kopf: ‚Wie geht mein Leben weiter? Werde ich jemals wieder laufen können? – Ich kann doch so nicht mehr arbeiten!‘

Doch das kann er. Lukas wird zwar nicht mehr seine bisherige Tätigkeit als Bauleiter ausführen können, aber er kann sich selbstständig machen. Es mag sein, dass er körperlich eingeschränkt ist, aber klar denken kann er immer noch. Lukas reduziert sich nicht auf das, was er nicht mehr kann, sondern auf das, was er kann.

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Das erwartet dich heute:

  1. Warum macht sich Lukas selbstständig?
  2. Wie finanziert er sein Unternehmen?
  3. Was sollte Lukas zusätzlich beherzigen?
  4. Fazit

Warum sich selbstständig machen?

Lukas lässt sich nicht von seiner Behinderung unterkriegen. Im Gegenteil, er möchte aus seiner Behinderung ein Geschäftskonzept entwickeln. Er möchte mitten im Leben stehen. Auf die Hilfe vom Staat angewiesen zu sein, ist nichts für ihn. Daher entscheidet er, sich selbstständig zu machen. So kann er sich und seine Familie selbst unterhalten.

Wo liegen die Vorteile der Selbstständigkeit?

Keine Arbeitsplätze für Behinderte

Es klingt hart, aber leider ist es wahr: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es kaum Stellen für Menschen mit Handicap. Saliya Kahawatte, Gründer mehrerer Unternehmen (Saliya for you, Saliya Foundation, Saliya Kahawatte, MinusVisus) spricht hier aus Erfahrung. Seit dem 15 Lebensjahr leidet er unter einer schweren Sehbehinderung. Er verlor den Großteil seines Augenlichtes und ist seither 100% schwerbehindert. Saliyas Geschichte ist weltweit bekannt. Er schrieb das Buch „Mein Blinddate mit dem Leben“, das zusätzlich verfilmt wurde.

„Ich habe 250 Bewerbungen geschrieben. Mich wollte keiner haben. Man hat als Behinderter keinen Platz im ersten Arbeitsmarkt.“  – Saliya Kahawatte

(Große) Firmen sind verpflichtet eine bestimmte Anzahl von schwerbehinderten Menschen zu beschäftigen. Erfüllen sie diese Forderung nicht, müssen sie für jeden unbesetzten Arbeitsplatz eine Ausgleichsabgabe tätigen. Ein kleiner Betrieb mit weniger als 40 Mitarbeitern, zum Beispiel, muss einen schwerbehinderten Menschen beschäftigen, ansonsten steht monatlich eine Zahlung von 125€ an.

Leider bevorzugen viele Firmen diese Ausgleichsabgabe, weshalb die Arbeitslosenquote von Behinderten vergleichsweise hoch ist.

Arbeitslosenquote Behinderte

Schwer-/behinderte Menschen sind oftmals auf Hilfe angewiesen, benötigen einen speziell eingerichteten Arbeitsplatz und müssen Ruhephasen einlegen. Für manch einen Arbeitgeber bedeutet das zu viel Aufwand. Anstatt einen behinderten gerechten Arbeitsplatz einzurichten, nimmt er die Ausgleichsabgabe in Anspruch.

„100% Schwerbehinderte haben einen besonderen Kündigungsschutz. Deswegen möchten Menschen erst gar nicht mit uns arbeiten, weil sie gar nicht wissen, wie sie uns wieder loswerden wollen oder können. Ich habe mehr Urlaubsanspruch, wir brauchen besondere Hilfsmittel und da haben die Leute keine Lust drauf.“ – Saliya Kahawatte

Dennoch suchen Lukas und sein Arbeitgeber eine Möglichkeit, wie er weiterhin als Bauleiter arbeiten kann. Allerdings sehen sie keine Chance, denn mit Rollstuhl kann Lukas nur schwer auf Baustellen vor Ort sein. Schweren Herzens muss er seine Arbeitsstelle aufgeben.

Fähigkeiten verkaufen

„Ich kann nicht mehr laufen, aber ich kann noch reden, ich kann schreiben, zuhören und motivieren“, denkt sich Lukas „Wieso gründe ich nicht einfach eine Beratungsfirma und werde Motivations- oder Businesscoach?“ Und so ist der Grundstein gelegt. Mit der Gründung seines eigenen Unternehmens konzentriert sich Lukas auf das, was er wirklich kann. Seine Talente stehen im Vordergrund.

 „Ich verkaufe nicht meine Behinderung, ich verkaufe meine Fähigkeit.“ – so Kahawatte.

Freiheiten leben

Als Selbstständiger ist Lukas sein eigener Chef. Das heißt: er arbeitet nach seinen Regeln. Schon im Businessplan hält Lukas die Rahmenbedingen seiner Tätigkeit fest und kann sie nach seinen Bedürfnissen anpassen.

Auch den Arbeitsplatz kann er selbst gestalten. Durch seine Querschnittslähmung ist Lukas auf einen Rollstuhl angewiesen. Hindernissen wie Treppen oder zu schmale Türen umgeht er ganz einfach, indem er sich selbst aussucht, wo er arbeitet. Autofahren kann er nur unter bestimmten Bedingungen, sein neuer Arbeitsplatz sollte also gut an Bus und Bahn gebunden sein.

Lukas richtet seinen Arbeitsplatz ein, sodass er anfallende Aufgaben so leicht wie möglich erledigen kann. Er bindet sich nicht an Zeit und Ort. Steht Krankengymnastik an, nimmt er diesen Termin problemlos wahr. Er muss keine Gespräche mit dem Chef führen und erklären, warum er dreimal in der Woche einen Termin hat. Lukas bestimmt selbst, wann, wie lange und wo er arbeitet.

Von Zuhause aus arbeiten, bietet ihm einige Vorteile, denn dort ist alles rollstuhlgerecht eingerichtet. Dennoch möchte er sich nicht darauf einschränken. „Arbeite doch im Computerbereich, das kannst du von Zuhause machen“ heißt es oft, wenn es um die Selbstständigkeit mit Behinderung geht. Allerdings sollte sich niemand auf etwas einschränken, nur weil es einfach ist. Menschen mit Handicap stehen viele Türen offen ihre Fähigkeiten und Talente gewinnbringend einzusetzen. Und das auch außerhalb des eigenen Heims.

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Richtig kalkulieren

Arbeitsunterbrechungen aufgrund seines Handicaps hat Lukas schon bei der Planung seiner Geschäftsidee einkalkuliert. Damit er trotzdem genügend Umsatz generiert, nimmt er gerne in Kauf auch am Wochenende zu arbeiten.

Gerade zu Beginn seiner Gründung muss Lukas lernen zu verzichten. Urlaub ist ein Luxus, den er sich im Anfangsstadium nicht leisten kann. Überstunden sind vorprogrammiert.

„Man muss seine Hausaufgaben machen und man muss echt mehr arbeiten als der Rest. Wenn man behindert ist und selbstständig, dann muss man noch mehr arbeiten.“- Kahawatte

Wie finanziert er sein Unternehmen?

Die Geschäftsidee steht und der Businessplan reift. Doch Lukas stoßt an den Punkt der Finanzierung. Welche Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten gibt es?

Durch seine Querschnittslähmung ist Lukas auf Hilfe angewiesen. Wie auch für jeden anderen Gründer kommt für ihn der Gründerkredit der KfW in Frage. Die KFW Bank steht jedem Gründer von Anfang an zur Seite und unterstütz mit wichtigen Tipps und Informationen. Außerdem gibt es mehrere Förderprodukte.

Gründer mit Behinderung genießen aber auch andere Hilfen. Das Integrationsamt, zum Beispiel, bietet die Hilfe zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit. Um diese zu erhalten, müssen allerdings das Gründungsvorhaben und der Businessplan realistisch sein. Hier gelten strenge Auflagen. Nicht jeder erhält die Hilfe des Integrationsamts.

Lukas Geschäftsidee ist so gut, dass er das Integrationsamt überzeugt. Er erhält einen Zuschuss von 15.000€. Aber das ist nicht alles. Er erhält weitere finanzielle Hilfen, sein Arbeitsplatz wird auf seine Bedürfnisse angepasst: sein Schreibtisch ist nun rollstuhlgerecht.

Möchte sich Lukas beruflich weiterbilden, finanziert ihm das Integrationsamt Seminare.

Berliner Gründer können Unterstützung durch das Projekt Enterability erhalten. Dort werden sie kostenfrei individuell beraten und nehmen an Seminaren teil. Zudem wird ihnen finanziell unter die Arme gegriffen und sie knüpfen über das Netzwerk neue Kontakte. Mit Enterability bleiben Berliner Gründer mit Handicap nachhaltig am Markt bestehen.

Was sollte Lukas zusätzlich beherzigen?

Hilfe annehmen

Lukas muss lernen Hilfe anzunehmen. Anfangs ist es schwer zu akzeptieren, dass man auf die Hilfe anderen angewiesen ist. Aber er sollte immer daran denken: eine Behinderung zu haben und Hilfe zu brauchen, ist keine Schwäche. Viel mehr sollte Lukas stolz auf das sein, was er bisher geschafft hat.

Diese Hilfe können unter anderem Arbeitsassistenten sein. Ein Arbeitsassistent unterstützt ihn bei der Arbeit als Lückenfüller. So holt er Bücher oder Ordner aus Regalen an die Lukas nicht drankommt. Das Integrationsamt übernimmt die Lohnkosten des Assistenten.

Behinderung offenlegen

Aus Angst vor Vorbehalten verschweigt Lukas zunächst seine Behinderung vor Kunden. Von Kahawatte aber lernt er, dass er offen damit umgehen soll. Lukas nimmt diesen Rat zu Herzen und trifft auf Zuspruch, Verständnis und Anerkennung.

„Und dann sagen die Leute: Boah, das hast du alles geschafft trotz Behinderung. Du musst ja was können.“ – Saliya Kahawatte

Sich beraten lassen

Neben den Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten gibt es auch zahlreiche Beratungsstellen sowie Unternehmens- und Steuerberater, die deinen Business- und Finanzplan ausarbeiten.

Lukas entscheidet sich für die Unternehmensberatung von Saliya und kann es jedem Unternehmer weiterempfehlen. Auf dem Weg in die Selbstständigkeit ist es besonders wichtig, sich richtig beraten zu lassen, egal ob mit oder ohne Behinderung/Handicap.

Netzwerken

Wie das Berliner Projekt Enterability rät, sollte jeder Gründer (mit Behinderung) netzwerken. Es gibt zahlreiche weitere Personen, denen es gleich oder ähnlich ergeht. Kontaktiere sie und hole dir Tipps. Lukas steht in engen Kontakt zu Saliya Kahawatte.  Er ist das Paradebeispiel für erfolgreiche Unternehmer mit Handicap. Denn er hat nicht nur ein Firmengeflecht gegründet. Sein Buch „Mein Blinddate mit dem Leben“ landete auf der Beststellerliste und dessen Verfilmung geht rund um die Welt.

Realistisch bleiben

„Viele Leute denken sich Sachen aus, die keiner braucht. Nur weil sie selber das toll finden, heißt es nicht dass alle anderen das auch toll finden. Es gibt viele Leute, die daran scheitern, weil sie gar nicht merken, dass sie ein Produkt entwickelt haben, das kein Mensch braucht.“ – Kahawatte

Lukas Idee ist gut. Er hat es geschafft aus dieser Idee ein Unternehmen zu gründen und sich erfolgreich selbstständig zu machen. Dennoch muss er auf dem Boden bleiben. Er freut sich über kleine Erfolge und darf nicht gleich von Umsätzen im Millionenbereich träumen. Er sollte immer denken:

„Erfolg ist ein Ausdauersport. Misserfolge sind immer nur Zwischenergebnisse auf dem Weg nach ganz oben. Wenn Leute einem erzählen, dass man ganz schnell reich werden muss durch die Selbstständigkeit, dann sage ich immer: wenn ihr keinen langen Atem habt, dann lasst es gleich.“

Buchhaltungstool

Lukas und auch jeder weitere Gründer muss sich mit vielen Themen beschäftigen. Eines davon ist die Buchhaltung. Lukas hat keine Ahnung von Buchhaltung. Daher erkundigt er sich über Hilfen. Ein externer Buchhalter ist ihm zu teuer. Also legt er sich eine Buchhaltungssoftware zu. Für Kleinunternehmer und Freelancer kommt die Software sevDesk in Frage. So auch für Lukas. Damit spart er Zeit, Geld und kann sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt – sein Kerngeschäft.

Fazit

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist kein Zuckerschlecken, für Menschen mit Behinderung schon gar nicht. Disziplin, Ehrgeiz und niemals aufgeben zählen zu den Stichwörtern, die jeder Gründer beherzigen sollte.

„Im Startup muss man davon leben, dass echt viel gearbeitet wird, deswegen muss man seine Arbeit mögen. Wenn man seine Arbeit mag, dann geht man gar nicht zur Arbeit, sondern seinem Hobby nach.“ – Saliya Kahawatte

 

Lukas ist eine fiktive Person und dient in diesem Beitrag als Orientierung und Beispiel für alle Menschen mit Behinderung. Saliya Kahawatte hingegen ist eine reale Person und hat den Schritt zum Unternehmer erfolgreich gemeistert.

Alisha Meier

Alisha Meier

Seit Oktober 2017 gehört Alisha zu dem sevDesk Team. Sie interessiert sich für Reisen und Fußball. Nach ihrem angewandten Medienstudium in Karlsruhe beschließt Alisha ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Sie kümmert sich um den sevDesk Blog, auf dem sie dich über verschiedene Themen rund um die Selbstständigkeit informiert.
Alisha Meier
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